Das Zusammentreffen der beiden Künstler ist kein Zufall. Im Rahmen einer Gastprofessur an der New York University in Shanghai, lebte und arbeitete Wolfgang Stiller für zwei Jahre in China. Von dort aus kuratierte er 2008 eine Ausstellung für eine deutsche Galerie. Unter den Ausgewählten der chinesischen Kunstszene befand sich auch Li Yan. Nun stellen die beiden Künstler das erste Mal zusammen aus. Doch es ist nicht allein das räumliche Miteinander von Wolfgang Stiller und Li Yan. Auch inhaltlich und formal lassen sich zahlreiche Bezüge herstellen.
Wolfgang Stiller präsentiert die Rauminstallation Matchstickmen von 2008, welche aus einer Reihe von überdimensional vergrößerten Streichhölzern und den dazu passenden Streichholzschachteln besteht. Seinen Ursprung hat dieser schlichte Alltagsgegenstand in China. Die Idee ist in erster Linie mit einem schmunzelnden Auge aufzunehmen. Der Künstler hat den Begriff des Streichholzkopfes im wahrsten Sinne des Wortes genommen: Die Schwefelköpfe sind Abbilder menschlicher Köpfe. Sie tragen chinesische Gesichtszüge. Die Augen sind geschlossen und in ihrer Gelöstheit haben die Gesichter teilweise etwas von einer Totenmaske. Und tatsächlich ist die Art des Abgusses eine ähnliche, nur dass die aufgelegte Gipsbinde hier durch eine dünne Silikonschicht ersetzt wurde. Die Matchstickmen liegen einem Mikadospiel ähnlich verstreut im Raum oder lehnen wohlgeordnet gleich einer Armee an der Wand. Sie erinnern an die Soldatenfiguren aus Terrakotta, welche in der Grabanlage des chinesischen Kaisers Qín Shîhuángdì bei Xian gefunden wurden.
Neben den Matchstickmen sind die Quallen von 2009 sowie Werke aus der Serie Tribute to the Hereafter von Wolfgang Stiller ausgestellt.
Li Yan zeigt erstmalig eine Reihe bildnerischer Arbeiten mit dem Namen Encounter. Die Bildblöcke sind aus zahlreichen Einzelstücken zusammengesetzt und stehen ganz im Gegensatz zur neuen chinesischen Kunst, welche sich in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt stark verbreitet hat. Statt aufdringlicher, oft fratzenhafter Figuren sind es bei Li Yan reale Bilder aus der Medienwelt, die der Künstler in eigener Bildsprache neu übersetzt und kombiniert. Die Auseinandersetzung mit gewalttätigen und kriegerischen Szenarien ist nicht zu verkennen. Ihrem Sujet entsprechend, entziehen sich die Bilder dem Betrachter durch eine flächenhafte bis detailgetreue Abstraktion, mildern das Grauen durch ihre gedämpfte Tonung sowie das kleine Format der Medien-Reportage. Die Encounter sind eine Art Sammlung von Fragmenten der Eindrücke, welche Nachrichten in uns hinterlassen können. Auf Leinwand gebannt, werden die sonst so flüchtigen Bilder wieder wahrnehmbar. Durch die Überwindung räumlicher und zeitlicher Grenzen sowie unter Beigabe teils banaler Themen, schafft Li Yan eine ganz eigene Realität. Ein Nähertreten ist erwünscht und somit das Eintauchen in eine Welt, die gesellschaftspolitische Fragen aufwirft.
Wolfgang Stiller und Li Yan ist gemeinsam, dass sie eine außergewöhnliche Sensibilität und Auseinandersetzung mit Zeitgeschehen negativer Art, und nicht die überzeichnete Widerspiegelung der Medienwelt zeigen. Das lässt Raum für Tiefe. Hier soll der Betrachter zum Nachdenken angeregt werden, was sich dem allgemeinen Trend zeitgenössischer Kunst wiedersetzt, sich nicht mehr positionieren zu wollen und damit austauschbar, beliebig zu sein.
Die Ausstellung kann bis zum
28. November 2009 besichtigt werden.
Am 26. November 2009 findet im Beisein des aus Peking angereisten
Li Yan die Finissage statt.
Katja Dannowski